Endoskope – mehr als nur Einblicke

Endoskope entwickeln sich zu Multifunktionsinstrumenten, die nicht nur Operationsgebiete eingrenzen und verborgene Details im Körperinneren zugänglich machen, sondern auch eingreifen können. So sind Endoskope mittlerweile fester Bestandteil moderner und vernetzter OP-Konzepte.

Die Bilder zeigen eine bizarre Tunnelwelt und während die Kamera alle zwei Sekunden neue Bilder schießt, bewegt sich die kabellose Videokapsel wie von Geisterhand durch das Körperinnere. Manchmal kommt die Kamera nur mit Mühen weiter, dann geht es wieder schneller. Spannend wird es auf dem Weg durch den Dick- und Dünndarm. Der Verdauungstrakt ist bis zu sechs Meter lang und lässt sich nur mit großem Aufwand genauer untersuchen. Die Kapselendoskopie schafft das. Die Bilder sind gestochen scharf und der Arzt schneidet sich aus dem Bildmaterial einen Videofilm zusammen, der die Reise der kamerabestückten Kunststoffkapsel durch den Körper mit allen wichtigen Stationen festhält.

Ob kabellos oder fester Verbindung nach außen – innovative Endoskopiertechnik hat einen entscheidenden Vorteil. Sie liefert Live-Bilder aus dem lebenden Organismus. Flexible Endoskope passen sich sogar verschlungenen Pfaden an oder können um die Ecke schauen. Zudem sind sie mit immer mehr Werkzeugen bestückt, die sie auch in einem sehr kleinen Zugangskanal mit sich führen. Hersteller wie Richard Wolf haben nicht nur bewegliche Fasszangen entwickelt, sondern auch abwinkelbare Fräser, um beispielsweise gezielt Knochenmaterial an dem vorgesehenen Operationsort abzutragen.

Vollendoskopische Operationsmethoden an der Wirbelsäule sind heute keine Zukunftsmusik. Die neue Instrumentenlinie Tipcontrol von Richard Wolf nutzt den Arbeitskanal des Endoskops, um erkranktes Gewebe zu veröden oder sich mittels Fräser einen besseren Zugang zu schaffen. Der Operateur agiert mit einem Joystick. Der endoskopische Zugang durch den Arbeitskanal des Endoskopes bringt Licht ins Operationsgebiet und erlaubt auch den Einsatz von Nervenhaken. Diese schonende minimal invasive Chirurgie hat eindeutige Vorteile gegenüber traditionellen Eingriffsmethoden: Kleinere Wunden, geringere Gewebeverletzungen und Schmerzen, weniger Blutverlust und kürzere Erholungszeiten.

Der Endoskopiespezialist Karl Storz ist nicht nur mit mehr als 8000 Produkten für 22 medizinische Fachrichtungen einer der Schwergewichte im Endoskopieumfeld, das Unternehmen sieht sich auch als Wegbereiter für die minimalinvasive Chirurgie. Die Tuttlinger haben in den letzten Jahren ihr Produktportfolio in Richtung chirurgisches Cockpit und OP-Management ausgebaut. Die endoskopische Untersuchung wächst immer mehr zu einem bildgebenden und auch therapeutischen Verfahren heran mit digitaler Kameraplattform, Spül- und Werkzeugset sowie dreidimensionaler Bilderfassung.

Diesen Trend unterstreicht der Einstieg des Familienunternehmens in die digitale Systemtechnik. Das Kamerasystem Image One ermöglicht eine durchgehend digitale Informationsübertragung sowie eine verlustfreie Datenspeicherung auf handelsüblichen Speichermedien. Endoskopische Standbilder verarbeitet das Gerät im High Definition (HD)-Modus, Videoaufnahmen nutzen das MPEG-4-Format. Neben Standard-Video-Signalen unterstützt die Kamera aber auch andere digitale Videoformate wie DV, DVI, SDI und Ethernet. Die Image 1 Plattform umfasst eine große Auswahl an Kameraköpfen, die eine individuelle, an die unterschiedlichen Fachbereiche angepasste Konfiguration möglich machen.

Den Weg zur endoskopischen Wiedergabe molekularer Zell- und Gewebestrukturen sucht eine Storz-Entwicklung, die der Endoskopie die bislang aus der Laboranalytik bekannte Fluoreszenzmethode erschließt. Mit Hilfe einer neuen Lichtquelle regt das Endoskop einen zuvor injizierten Marker mit Rotlicht an und erfasst die fluoreszierende Indikatorsubstanz. Diese Vorgehensweise ist beispielsweise zur Kontrolle der Durchblutung von Organen hilfreich. Die für diese Fluoreszenzmethode notwendigen Geräte und Instrumente, wie Lichtquelle, Kamera und Optiken haben den großen Vorteil, dass sie sowohl für die OP im Weißlicht als auch für die anschließende Fluoreszenzkontrolle eingesetzt werden können.

Heute sind Endoskope mit einer flexiblen und mehrere Lumen aufweisenden Kathetersonde sowie wenigstens einem Optikstrang keine Seltenheit. Zum Werkzeugrepertoire gehören Biopsiezangen, elektrische Schlingen, Injektionsnadeln oder Ultraschallsonden. Die Kehrseite der Medaille sind Fragen der Sicherheit und das Schadenspotential ungeeigneter Instrumente. Im Mittelpunkt der Instrumentenkontrolle steht der Verschleiß von Stützgliedern bei flexiblen Endoskopen ebenso, wie die desinfizierende oder sterile Reinigung zur weiteren Benutzung.

Die Biegefähigkeit flexibler Endoskope hängt maßgeblich vom Zustand der Gelenkachsen der einzelnen Instrumentenringe ab. Verändern sich im Laufe des Einsatzes die Toleranzen zwischen den beweglichen Gliedern verliert das Instrument allmählich die ursprünglich vorhandene Präzision. Fachleute berichten immer wieder über die durch Biegespannungen ausgelösten Ausformungen am Abwinklungsteil. Das kann sich sogar auf die Lage der Arbeitskanäle im Instrument auswirken und deren Oberflächen beschädigen.

Endoskop-Hersteller verfügen über viel Know-how zur Sicherheit und Wiederaufbereitung ihrer Instrumente. Flexible Endoskope bestehen aus unterschiedlichen Materialien wie Kunstoffe, Metall und Glas. Der Hersteller weiss meist sehr genau, welche Desinfektions- und Reinigungsmittel zu unerwünschten Wechselwirkungen führen. Auch gibt es zahlreiche konstruktive Kniffe, die beispielsweise den Optikkanal vor einem direkten Gewebekontakt abschirmen. Bei einem derartigen Endoskop ist es nicht erforderlich, zwischen einzelnen Anwendungen den Optikstrang zu sterilisieren, da dieser während der Patientenbehandlung hermetisch von den Komponenten des Endoskops, beispielsweise durch eine durchsichtige Abdeckung gegenüber dem Körperinnern abgetrennt ist.

Hilfestellung für die Instrumentenaufbereitung bieten Dienstleister aber auch die Hersteller. Einen Sterilisationscontainer mit wartungsfreiem Dichtungssystem hat beispielsweise Richard Wolf Ende letzten Jahres serienreif auf den Markt gebracht. Der Sterisafe kommt ohne die bislang üblichen Silikondichtungen aus, die verschleißen und daher regelmäßig ausgetauscht werden müssen. Stattdessen ist das Gehäuseober- und Gehäuseunterteil mit einer Verschlussgeometrie ausgestattet, die verhindert, dass Keime ins Innere des Container gelangen. Storz gibt für jedes seiner Produkte einen Überblick für die geeignete Reinigungsart. Bei den flexiblen Endoskopen ist wegen ihrer Hitzeempfindlichkeit keine Dampfsterilisation möglich, sondern eine chemo-thermische Aufbereitung im Autoklaven.

Andreas Beuthner